
Schneller, höher, weiter – viele Studierende fühlen sich manchmal unter Erfolgsdruck. Aber was genau eigentlich ist Erfolg? Buchautor Daniel Rettig hat sich damit eingehend beschäftigt und meint: Auf diese Frage gibt es ungefähr so viele Fragen wie Antworten. Daniel Rettig war lange Jahre Redakteur und Ressortleiter der „Wirtschaftswoche“ (die übrigens die CBS in diesem Jahr zur besten deutschen Privat-FH im Bereich BWL gewählt hat. ) Neuerdings ist er frischgebackener Redaktionsleiter von ada, der Bildungsplattform der Handelsblatt Media Group. Im Rahmen seines Gastvortrages auf unserer Semestereröffnungsfeier 2019 verriet er uns im Experten-Interview, dass Erfolg viel mit Zielsetzung zu tun hat – und damit von Fall zu Fall individuell verschieden ist.
Was ist eigentlich Erfolg?
CBS: Sie haben sich als Leiter des Ressorts „Erfolg & Gründer“ intensiv mit dem Thema Erfolg beschäftigt. Gibt es eine allgemeingültige Definition für Erfolg oder liegt Erfolg immer im Auge des Betrachters?
Daniel Rettig: Erfolg ist total individuell. Der eine versteht darunter eine Konzernkarriere, der andere will sich selbstständig machen. Und weil darunter jeder etwas anderes versteht, gibt es auch keine allgemein gültigen Erfolgsrezepte.
CBS: Erfolg wird häufig mit Leistung verbunden. Inwiefern ist diese Verbindung zulässig?
Daniel Rettig: Das Wort Leistung finde ich zutreffend, aber es gibt da gleichzeitig ein großes Missverständnis: Der Begriff Erfolg wird zu stark auf das Berufsleben bezogen. Vielleicht ist es für manche auch der Gipfel des Erfolgs, nachmittags früh zuhause zu sein – und sind Mütter und Väter, die zuhause bleiben und sich um die Kinder kümmern, nicht auch erfolgreich? Man sollte sich nicht einreden lassen, dass Erfolg zwingend mit einer hohen Position in einem Unternehmen oder einem hohen Gehalt einhergeht. Man kann auch im Privatleben sehr erfolgreich sein.
CBS: Sehen Sie in der neuen Generation/unter jungen Gründern eine andere Einstellung zum Erfolg?
Daniel Rettig: Ich tue mich schwer mit den vielen Umfragen, die einer ganzen Generation gewisse Eigenschaften unterstellen und sozusagen alle in einen Topf werfen. Wie sagt man in Köln: Jeder Jeck ist anders. Natürlich lässt sich nicht bestreiten, dass weite Teile der Generationen Y und Z in materiellem Wohlstand aufwachsen, die Möglichkeiten sind scheinbar endlos. Aber so eine große Freiheit kann auch zu Unsicherheit führen, denn Freiheit zum Erfolg beinhaltet gleichzeitig immer die Freiheit zu Scheitern.
CBS: Ist Erfolg immer messbar – beispielsweise in Noten oder in einem Abschluss in Regelstudienzeit?
Daniel Retttig: Es ist zumindest verlockend, Erfolg messen zu wollen – und in der Tat: Wer das Studium schneller schafft, gilt zunächst mal als erfolgreicher. Aber wer für das Studium länger braucht, sollte sich nicht entmutigen lassen oder verrückt machen. Solange man diese Zeit beim Bewerbungsgespräch einigermaßen vernünftig begründen kann und sie sich im Rahmen bewegt, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, trotzdem erfolgreich zu werden.
CBS: Was raten Sie unseren Studierenden in Zeiten des (Miss-)erfolgs?
Daniel Rettig: Ich versuche, die Dinge in Relation zu sehen: In 200 Jahren wird sich vermutlich niemand mehr an uns erinnern. Insofern sollte man weder Erfolge noch Misserfolge überbewerten. Außerdem halte ich mich an einen Spruch von Oscar Wilde: “Am Ende wird immer alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, war es noch nicht das Ende.” Bislang bin ich damit ganz gut zurechtgekommen.
CBS: Vielen Dank für das Interview!