Prof. Dr. René Schmidpeter im Experten-Interview

Alle Kategorien, Fakultät   -  21. August 2019

Auf die Frage „Profit oder Nachhaltigkeit?“ gibt es nur für Prof. Dr. René Schmidpeter, Dr. Jürgen Meyer Stiftungslehrstuhl für Internationale Wirtschaftsethik und CSR und Leiter –  Center for Advanced Sustainable Management an der CBS, nur eine Antwort: „Beides!“. „Sustainable Finance“ ist dabei mehr als ein Trendthema, wie eine aktuelle Studie des FTSE Russel belegt: Über die Hälfte der weltweiten Anlagenbesitzer implementieren oder untersuchen bereits ihren Investmentstrategien nach ESG (Environmental, Social, Governmental) Kriterien. Über diese und weitere Themen, wie die Ausbildung von verantwortungsbewussten Managern im Master-Studienprogramm „General Management – Nachhaltiges Management“ haben wir mit ihm gesprochen.

CBS: Wenn man nachhaltiges Management konsequent denkt, bedeutet es eine grundlegende Umstrukturierung von Unternehmen. Weshalb gibt es für sie dennoch keine Alternative zu nachhaltigem Management?

Prof. Dr. René Schmidpeter: Wir befinden uns in einer Zeit rasanten Wandels. Digitalisierung, Automatisierung, Klimawandel… dies alles sind große Schlagworte, die bereits jetzt immer mehr spürbar werden und Unternehmen vor Herausforderungen stellen. Unternehmen müssen sich weiterentwickeln, innovativ sein und schnell tragbare Lösungen entwickeln und Risiken minimieren. Dies ist, wenn man die Komplexität unserer globalen Welt bedenkt, nicht mehr isoliert machbar. Nachhaltiges Management setzt ganzheitlich an – indem relevante ökologische, soziale und ökonomische Themen in allen Unternehmensbereichen integriert gedacht und als gleichwertig gesehen werden. So können für das Unternehmen soziale und ökologische Fragen als Innovationstreiber begriffen werden, die Unternehmen im wirtschaftlichen Wettbewerb nach vorn bringen. Zahlreiche Studien belegen heute, dass das Entweder-oder zwischen Profit und Nachhaltigkeit eine überholte Auffassung ist. Unternehmen, die ganzheitlich eine gute Leistung in wesentlichen Bereichen der Nachhaltigkeit aufweisen, erwirtschaften höhere finanzielle Gewinne. Diese Unternehmen werden auch langfristig am Markt bestehen.

CBS: In deiner Arbeit am Center for Advanced Sustainable Management setzt du dich für einen Paradigmenwechsel in der Betriebswirtschaftslehre ein. Wie in deinem Fachbeitrag für das LOUT-Magazin beschrieben, siehst du die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens in Gefahr, wenn die Unternehmensstrategie und Nachhaltigkeitsstrategie nicht integriert umgesetzt werden. Gibt es dafür aktuelle Beispiele aus der deutschen Wirtschaft, die deine These belegen?

Prof. Dr. René Schmidpeter: Ein bereits viel diskutiertes, dennoch brandaktuelles Beispiel ist die für uns in Deutschland so wichtige Automobilindustrie. Der aktuelle VW-Konzernvorstands Herbert Diess sagt selbst, dass die Chancen der deutschen Autohersteller im Rennen um die neue Mobilität bei 50:50 stehen. Hier muss jetzt ein konsequenter nachhaltiger Wandel geschehen, um in den nächsten zehn Jahren noch an der Weltspitze zu stehen. Ich denke, ein sehr wichtiger Impuls geht dabei auch von den Investoren aus. Der Kapitalmarkt schlägt eine neue Richtung ein und Unternehmen, die dem neuen Trend der Sustainable Finance nicht folgen, werden ins Hintertreffen geraten. Einer globalen Studie von FTSE Russel aus dem letzten Jahr zufolge, implementieren oder untersuchen bereits über die Hälfte der weltweiten Anlagenbesitzer ESG (Environmental, Social, Governmental) Kriterien in ihren Investmentstrategien.

CBS: Schätzt du die deutsche Wirtschaft eher als Treiber oder Nachzügler im Hinblick auf nachhaltiges Management ein? Und was wäre deine Forderung an die deutschen Wirtschaftsentscheider?

Prof. Dr. René Schmidpeter: Wenn es darum geht, große gesellschaftliche Veränderungen anzugehen, hinkt Deutschland meiner Meinung nach oftmals hinterher. Wir neigen dazu, bestimmte weltweite Trends – und dazu zählt nun mal Nachhaltigkeit – systematisch zu unterschätzen. Die Diskussionen in Indien oder auch China bezüglich der Märkte der Zukunft sind in manchen Bereichen (Elektromobilität, Nachhaltige Stadtentwicklung etc.) schon weiter: In der Wirtschaft ist die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit angekommen und die Bereitschaft zur progressiven Veränderung oft höher als bei uns. Da muss sich etwas tun, wir reden hier über unsere unmittelbaren Konkurrenten in den Märkten von morgen. Gerade in den Köpfen der Entscheider muss sich etwas ändern – diese müssen begreifen, mit welcher Dringlichkeit es darum geht, weiterhin vorne mitzuspielen oder eben nicht. Wir müssen kreative Möglichkeitsräume ohne Trade-Off-Denken entwickeln und so unternehmerisch positive Wirkung generieren. Anstatt in Knappheit, sollten die Entscheider in Möglichkeiten denken. Die Politik muss den Mut finden, nicht erst Änderungen anzustoßen, wenn es bereits zu spät ist oder die Katastrophen bereits passiert sind.

CBS: Was entgegnest du Skeptikern, die Nachhaltigkeit primär als Themenbereich der Öffentlichkeitsarbeit und des Marketings ansehen?

Prof. Dr. René Schmidpeter: Provokativ gesagt, dass sie den Kern des Problems und die Dringlichkeit, mit der es zu handeln gilt, noch nicht verstanden haben. Zu lange waren Nachhaltigkeitsstrategien oft reine Kommunikationsprodukte von Marketing- bzw. PR-Agenturen, deren dahinterliegenden Managementmethodik nicht die Ansprüche erfüllten, die für ein strategisches Unternehmensmanagement notwendig sind. Mittlerweile sind aber auch die Verbraucher und die Öffentlichkeit bei diesen Themen sensibler geworden. Unternehmen, die klassisches Greenwashing betreiben, machen sich angreifbar und werden auf Dauer nicht damit bestehen können, wenn ihre Wettbewerber durch einen integrierten Ansatz die Führung übernehmen. Es braucht einen Paradigmenwechsel im Management, der sich nicht nur in CSR- und Nachhaltigkeitsberichten niederschlägt, sondern im Grunde das gesamte Unternehmen aus einer nachhaltigen Managementperspektive neu denkt. Strategie und PR müssen hier eng zusammenarbeiten und eine gemeinsame Perspektive entwickeln.

CBS: Du hast als wissenschaftlicher Partner die neue Master-Spezialisierung „Nachhaltiges Management“ mitkonzipiert. Was ist die Besonderheit dieses Studienprogramms?

Prof. Dr. René Schmidpeter: Nachhaltigkeit und CSR sind in der Ausbildung an den Universitäten, beispielsweise in der BWL, noch immer oft ein Randthema. Wir werden künftig aber einen Riesenbedarf an Managern mit diesen neuen Qualitäten haben. Mit unserem innovativen Studienangebot in der Vertiefung „Nachhaltiges Management“ haben wir uns zum Ziel gesetzt, zeitgemäß auszubilden und das Thema Nachhaltigkeit vollumfänglich zu integrieren, zum Beispiel in Seminaren zu nachhaltiger Lieferkette, nachhaltiger Finanzwirtschaft oder Social Entrepreneurship. Auch aktuelle Themen wie CSR & Digitalisierung, K.I. und Industrie 4.0 greifen wir dabei auf. Die „Wirtschaft“ hat einen klaren Vorteil im Vorantreiben der Transformation, weil nur sie effizient und unternehmerisch denken und handeln muss. Mit der neuen Spezialisierung wollen wir unsere Studierenden darin bestärken, die aktuellen gesellschaftlichen Transformationen aktiv mitzugestalten und als Change-Maker von morgen zu agieren. Hier haben Business Schools einen Vorteil, wenn sie eng mit den nachhaltigen Pionieren aus der Wirtschaft zusammenarbeiten – was wir im beispielsweise im Rahmen von Business Projects mit unseren Studierenden konsequent umsetzen – und wir hierbei gemeinsam ein neues Managementparadigma schaffen, in Theorie und Praxis!

CBS: Vielen Dank für das Interview!

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