Prof. Dr. Anja Karlshaus: „Jede Arbeitsstelle ist teilbar – auch die Führungsstelle“

Alle Kategorien, Fakultät, Inside CBS   -  26. September 2018

Das Konzept der „Teilzeitführung“ wird im deutschsprachigen Raum noch wenig genutzt, jedoch werden immer mehr Unternehmen für das Thema sensibilisiert,  indem sie sich mit den Vorteilen einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung beschäftigen. Dass flexible Arbeitszeitmodelle insbesondere für Frauen von großer Bedeutung sind, belegt eine aktuelle Statistik des Statistischen Bundesamt 2016: 47 Prozent der berufstätigen Frauen, aber nur circa neun Prozent der Männer arbeiten in Teilzeit. Im Führungsbereich wird dies noch deutlicher: 83 Prozent der Teilzeitführungskräfte sind weiblich.

Im Nachgang ihres Vortrags „Führen in Teilzeit“ auf dem von Boehringer Ingelheim ausgerichteten DAX 30 Netzwerktreffen 2018 gab uns Frau Prof. Dr. Anja Karlshaus, Professorin für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Personal mit einem Forschungsschwerpunkt auf flexible Arbeitszeitmodelle für Führungskräfte, ein Interview zum Thema „Teilzeitführung“.

CBS: „Karriere in Teilzeit“ gilt nach wie vor als typisches Frauenthema. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?

Anja Karlshaus: Nein, denn genau genommen ist „Teilzeitführung“ genauso gut ein Instrument für Männer. Gerade jüngere Männer der sogenannten Generation Y haben heute einen anderen Anspruch und wollen mehr Zeit mit der Familie verbringen. Teilzeitführung ist auch eine gute Option für ältere Menschen, die sich einen fließenden Übergang in den Ruhestand wünschen, für Menschen mit zeitintensiven Hobbies oder Weiterbildungszielen, für Führungskräfte mit zu pflegenden Angehörigen oder gesundheitlichen Einschränkungen. Sie können weiterhin eine anspruchsvolle Tätigkeit erbringen – ohne ihre persönlichen Leistungsgrenzen zu überschreiten.

Es ist aber richtig, dass Frauenkarrieren immer noch viel stärker als Männerkarrieren durch erziehungsbedingte Reduktions- und Auszeiten beeinträchtigt werden. Die Förderung von Teilzeitführung ist eines der wichtigsten Förderkonzepte für Gender Diversity und somit aus dieser Perspektive sicherlich ein „Frauenthema“, wie Sie es nennen. Denn immer mehr Frauen haben anspruchsvolle berufliche Ziele und wollen sich weiterentwickeln – trotz und mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen!

CBS: „Karriere in Teilzeit“ mag für viele Geschäftsführer wie ein Widerspruch klingen. Was haben Sie diesem  Einwand entgegenzusetzen?

Anja Karlshaus: Es ist tatsächlich richtig, dass nur wenige Führungskräfte aus ihren  Teilzeitengagements heraus Karriere machen und in höhere Positionen befördert werden. In der Praxis wird somit Teilzeitführung häufig immer noch mit Karrierestillstand gleichgesetzt. Auch ist festzustellen, dass die Wahl für ein Teilzeitführungsmodell teilweise mit Einkommenseinbußen und weniger komplexen Aufgaben einhergeht.

Theoretisch-konzeptionell ist die Teilbarkeit von Führungsstellen jedoch schlicht eine Frage des Führungsverständnisses, denn nach Andreas Hoff gilt: „Jede Stelle ist immer Ergebnis und Bestandteil von Arbeitsteilung und daher ihrerseits auch stets weiter teilbar.“

CBS: Abgesehen von der reinen Quantität: Worin unterscheidet sich Teilzeitführung von Vollzeitführung?

Der Begriff „Teilzeitführung“ ist gar nicht so eindeutig, da es keine allgemeingültige Definition dazu gibt. Oft wird „Teilzeit“ in Abgrenzung von der Norm „Vollzeit“ definiert, die wiederum zwischen 36 oder 40 Stunden, mit oder ohne Überstunden, variieren kann. Teilzeit wäre in diesem Kontext „anteilig weniger“. Die abnehmende Stundenanzahl und Anwesenheit im Unternehmen hat jedoch große Auswirkungen auf den Führungsstil: Die geringere Präsenzzeit wird durch eine stärkere Ergebnisorientierung und ein höheres Ausmaß an Delegation aufgefangen. Interne Abstimmungsprozesse treten weniger spontan auf und Termine werden vorab systematisch geplant. Einige Teilzeitführungskräfte beschreiben dadurch eine spürbare Arbeitszeitverdichtung, die weniger Freiräume für das Netzwerken oder Trainings lassen. Darüber hinaus werden Führungsentscheidungen und Führungshandeln bei Modellen wie dem Job-Sharing deutlich transparenter. Eine klare Kommunikation, gutes Selbstmanagement und Fähigkeit zur Priorisierung sind in Teilzeitführungspositionen umso wichtiger, da weniger Zeit zum Ausgleich von Führungs- und Organisationsschwächen vorhanden ist.

CBS: Was raten Sie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die Ihren Arbeitgeber für das Thema sensibilisieren wollen?

Anja Karlshaus: Das kommt ganz darauf an, ob es in dem Unternehmen schon Teilzeitführungsformate gibt oder nicht. Es ist leider festzustellen, dass Unternehmen in Deutschland immer noch von einer sehr starken Präsenzkultur und einem entsprechenden Führungsstil geprägt sind. Darüber hinaus ist es problematisch, dass der Begriff „Teilzeitführung“ noch teilweise mit weniger „Engagement“, „Karrierewillen“ und „Zielstrebigkeit“ assoziiert und somit stigmatisiert wird – insbesondere Männer, die ihre Arbeitszeit reduzieren wollen. Hier müsste sich Führungsverständnis und Unternehmenskultur in vielen Organisationen ändern, damit auch in zeitreduzierten Arbeitsmodellen gleiche Karrierechancen bestehen. Das muss man sich als Führungskraft vor Augen halten, wenn man ein solches Modell anstrebt.

Entscheidend ist in jedem Fall eine fundierte Situationsanalyse, die auch gemeinsam mit dem Vorgesetzten und der Personalabteilung vorgenommen werden kann. Sie sollten sich Arbeitsinhalte und Abläufe der Führungsposition genau anschauen, die sogenannte „Teilzeitfamilie“ (Vorgesetzter, Kollegen, Mitarbeiter und Kunden) beleuchten und proaktiv Vorschläge machen, wie eine mögliche Konzeption des gewünschten Teilzeitführungsmodells auch im Unternehmenssinne aussehen könnte. Dazu gehört ein Vorschlag zur Wahl des passenden Teilzeitmodells (reduzierte Vollzeit oder Tandem), die mögliche Regelung der Anwesenheitszeiten, Stellvertreterregelungen, arbeitsorganisatorische Maßnahmen und Ideen zur Sicherstellung des Informationstransfers. Bevor diese Ausarbeitung beginnt, ist es aber wichtig, dass die potenziellen Teilzeitführungskräfte für sich selbst überlegen, was ihre beruflichen und privaten Ziele sind. Gerade im Teilzeitführungskräftebereich gibt es keine Standardlösungen.

CBS: Denken Sie, dass Teilzeitführung in Zukunft zum Standard werden könnte?

Anja Karlshaus: Schaut man sich heutige Lebenswirklichkeiten und Werthaltungen an, ist es offensichtlich, dass bedürfnisunabhängige Standard-Rollenvorbilder wie die der Dauer-Vollzeit-Führungskraft nicht mehr zeitgemäß sind. Erstens gehen viele Personalverantwortliche davon aus, dass exzellente Arbeitsergebnisse und hohe Motivation nur zu erreichen sind, wenn persönliche Bedürfnisse im Sinne einer lebensphasenorientierten Arbeitszeitplanung berücksichtigt werden. Zweitens verändern sich die politischen Rahmenbedingungen deutlich, was die rechtliche Absicherung von Teilzeitbeschäftigung, auch für Leitende, angeht. Politische Initiativen, interne Frauenquoten und die öffentliche Darstellung erfolgreicher Teilzeitführungskräfte erhöhen zusätzlich den Druck auf das Thema. Und drittens ergeben sich durch die zunehmende Digitalisierung neue Möglichkeiten der Kommunikation und Erreichbarkeit im Notfall. Insofern ist davon auszugehen, dass Teilzeitführungsmodelle zukünftig stark an Akzeptanz gewinnen und sich weiter verbreiten werden.

Aktuelle Termine von Frau Prof. Dr. Karlshaus: 

Vortrag „Führen in Teilzeit – Arbeitsmodell mit Zukunft?“ beim unternehmensübergreifenden VAA-Netzwerk für Frauen in der chemisch pharmazeutischen Industrie (Ausrichter: Merck – Innovation Center) am 6.11.2018 in Darmstadt.

Vortrag „Implementing Part-Time Leadership as Instrument for Sustainable HR-Management“ auf der 8. Internationalen CSR-Konferenz am 13./14.11.2018 in Köln. Mehr Informationen CSR-Konferenz unter: www.international-csr.org

Mehr zum Thema „Teilzeitführung“ unter: www.teilzeitfuehrung.info

Foto: Boehringer Ingelheim

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